USA, Utah, Bryce Canyon. Der Besuch dieses National Parks ist Teil meiner mehrwöchigen Solo-Rundreise durch den mittleren Westen der USA in einem Campervan. Der Bryce Canyon liegt wie ein riesiges Amphitheater in der Landschaft. Oben auf dem Kamm zieht sich eine gut ausgebaute Straße über rund achtzehn Meilen – von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt. Natürlich halte ich an jedem, lasse den Blick schweifen, sammle Eindrücke, mache Fotos. Ungewohnt: Alle Wanderrouten beginnen hier oben und führen hinab in den Canyon. Ich kenne es sonst umgekehrt – vom Tal hinauf.
Am Ende des sichelförmigen Canyons parke ich schließlich den Campervan. Eine kleine Wanderung soll es noch sein – nichts Großes, nur der Bristlecone Loop Trail: Kurz, mit wenig Höhenmetern, dafür mit Aussicht. Schließlich will ich heute noch weiter.
Gleich nach dem Einstieg warnt ein Schild davor, den Talweg zu nehmen – ein Bär sei dort unterwegs. Zum Glück nicht meine Route. Also weiter.
Nach einer Weile halte ich an, die Aussicht ist zu schön, um einfach vorbeizugehen. Ich packe die Kamera aus, verliere mich in Linien und Licht, in der stillen Weite des Canyon. Ein Moment purer Gegenwart.
Irgendwann fällt mir auf, dass niemand sonst mehr auf dem Weg ist. Und eigentlich sollte der Loop nur 90 Minuten dauern. Habe ich mich vertrödelt?
Ein Blick aufs Navi bringt Klarheit – und ein leichtes Unbehagen: Ich bin auf dem Talweg. Dem mit dem Bären. Kein Wunder, dass es so still ist.
Ein Knacken im Unterholz. War das ein Ast – oder…? Ab diesem Moment klingt jedes Geräusch nach „Bär“.
Ich packe leise zusammen, gehe vorsichtig weiter, so geräuschlos wie möglich.
Natürlich weiß ich, dass der Bär mich längst riechen würde, lange bevor er mich hört – aber Schleichen fühlt sich trotzdem sicherer an.
Am Ende erreiche ich den Van unversehrt. Vielleicht hat der Bär mich beobachtet und mein Umherschleichen hat ihn irritiert. Vielleicht war er einfach satt.
Oder gar nicht da.
Das bleibt sein Geheimnis.