An unserem letzten Tag auf Madeira zieht es uns auf die Nordseite der Insel. Hier zeigt sich die Landschaft von ihrer raueren Seite – schroffer, wilder, ursprünglicher. Doch wer nun an steile Anstiege denkt, liegt falsch: Auch heute bleibt es bei einer Levada-Wanderung, diesmal entlang der Levada Fajã do Rodrigues – rund acht Kilometer kurz, aber voller reizvoller Motive.
Zunächst wirkt der Weg unspektakulär. Die Levada zieht sich gemächlich durch dichten Mischwald, begleitet von einem breiten, leicht begehbaren Pfad. Gefiltertes Licht fällt durch das Blätterdach und spielt auf dem Wasser – ein Vorgeschmack auf die Bildstimmungen, die folgen. Hier lassen sich wunderbar weite, atmosphärische Szenen einfangen: das Zusammenspiel von Struktur, Tiefe und gedämpftem Grün wirkt fast malerisch.
Nur gelegentlich begegnen uns andere Wanderer. Nach und nach öffnet sich die Landschaft – die Hänge werden steiler, die Vegetation dichter, das Spiel aus Licht und Schatten intensiver. Die Strukturen von Fels, Farn und Wasser gewinnen an Tiefe.
Wir passieren mehrere hohe, aber nur wenig Wasser führende Wasserfälle. Bald darauf verschwindet der Weg im ersten Tunnel – rund 50 Meter lang, feucht, dunkel und niedrig. Mit Stirnlampe auf dem Kopf und eingezogenem Nacken tasten wir uns auf einem schmalen Sims voran. Das Geräusch unserer Schritte hallt durch den Fels, während das Licht der Lampe auf den nassen Wänden tanzt – ein fast surrealer Moment, schwer einzufangen, aber eindrucksvoll zu erleben.
Der zweite Tunnel ist länger, etwa 200 Meter, diesmal mit Gegenverkehr. Dahinter verändert sich das Bild erneut: dichter Bewuchs, Tropfen in der Luft, sattes Grün in allen Schattierungen – fast dschungelartig. Das Licht bricht in schmalen Streifen durch die Blätter – eine Herausforderung für die Belichtung, aber ein Geschenk für jeden Fotografen. Hier entstehen die reizvollsten Motive der Tour: Lichtkanten, tropfendes Grün, enge Perspektiven zwischen Fels und Vegetation.
Schließlich stehen wir vor dem Zugang zu einem über 1,2 Kilometer langen Tunnel. Wie geplant, drehen wir hier um – dahinter endet der Weg ohnehin bald. Der Rückweg bietet neue Perspektiven: Das Nachmittagslicht verändert die Szenerie, das Grün wirkt tiefer, das Wasser glänzt weicher, die Schatten sind sanfter.
An einem Aussichtspunkt mit Blick ins Tal legen wir eine Pause ein, genießen unser Vesper – und die Stille. Das Licht wird weicher, die Kontraste feiner. Ein perfekter Moment, um die Kamera noch einmal zu heben, bevor der Tag sich senkt.
Ein stiller Abschluss einer Tour, die weniger durch Anstrengung als durch ihre visuellen Kontraste beeindruckt – und ein weiterer Beweis, dass Madeiras Levadas nicht nur Wanderwege, sondern Bildstrecken aus Licht und Struktur sind.